Die Geschichte

Vor 14 Tagen berichtete die taz im Rahmen des Impact Journalism Day in zwanzig kleinen Artikeln über ungewöhnliche Ideen, die irgendwelche größeren oder kleineren Probleme der Menschheit lösen. Neben Berichten über so essentielle Dinge wie Minensuchgeräte und Wassertransport in Afrika gab es auch einen Beitrag über den italienischen Tüftler Nino Santoro. Dieser Herr hat sein ganzes Leben damit verbracht, eine möglichst einfache Maschine zu entwickeln, mit der man auch zu Hause einen echten Espresso produzieren kann: den Kamira-Espressokocher.

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Das klingt einfacher als es ist. Wirklich guten Espresso kann man eigentlich nur mit einer professionellen Gastronomie-Siebträgermaschine erzeugen. Nur wenn das Verhältnis von (ziemlich viel) Druck, (nicht zu hoher) Temperatur und Mahlgrad des Kaffeepulvers exakt abgestimmt sind, entwickelt sich das volle Aroma und die gewünschte feinporige Schaumkrone, die Crema. Man kann ähnliche Qualität zwar mit einer Hightech-Kapselmaschine wie der Nespresso auch erreichen. Der Tassenpreis dafür ist allerdings exorbitant hoch und der Alu-Müll nicht akzeptabel. (Und die Zuteilung der begehrten Ware in Kaffee-Boutiquen mag mir auch nicht gefallen)

Auf der anderen Seite gibt es die allgegenwärtigen klassischen Kaffee-Kocher wie die Moka Express von Bialetti, die zwar einen akzeptablen Kaffee brauen, der aber wegen der zu hohen Wassertemperatur chronisch bitter und mangels Druck immer ohne Crema daherkommt. Und der auch mit viel gutem Willen nicht als Espresso bezeichnet werden kann. In diesem Dilemma war für mich in den letzten Jahren die Bialetti Brika ein vertretbarer Kompromiss. Durch ein spezielles Druckventil erzeugt sie unter günstigen Bedingungen eine Art Crema und liefert so zumindest eine anständige Grundlage für einen Capuccino.

Mit der Anschaffung eines Induktionsherds war die Brika allerdings wertlos, da aus Aluminium gefertigt und damit nicht induktionstauglich. In diesem Dilemma kam der Bericht über die Kamira in der taz wie gerufen. Da das Gerät aus Edelstahl gefertigt ist, und als induktionsgeeignet beschrieben ist, sollte es mein Problem lösen.

Die Bestellung

Mangels anderer Bezugsquellen habe ich die Online-Bestellung direkt beim Hersteller getätigt. Erst nach der Überweisung habe ich mir die Firmenadresse genauer angeschaut und bekam leise Zweifel, ob es eine gute Idee war, im blinden Vertrauen das Geld (59 Euro zzgl. 22 Euro Versand) an eine sizilianische Kleinfirma zu überweisen. Nachdem aber am nächsten Tag per Mail eine Rückfrage kam, welche Herdart ich denn verwenden würde, man wolle mir ja die optimale Maschine zusenden, war ich dann doch beruhigt.

In einer weiteren Mail teilte man mir dann mit, dass man gerade ungewöhnlich viele Bestellungen habe (beim Journalism Impact Day erschien der besagt Artikel auch in La Stampa und Le Monde!) und ich etwas warten müsse, aber schon ein paar Tage später wurde das Machinchen dann mittels UPS geliefert.

Kamira Espressomaschine

Einem schmucklosen braunen Karton konnte ich das Gerät, eine Anleitung (in englisch) und zwei Mini-Siebträger entnehmen. Die Maschine selbst ist erstaunlich klein, aber ziemlich massiv. Sehr charmant: man sieht an allen Teilen die Fertigungsspuren. Die Schweißnähte sind nicht ganz gleichmäßig, hier und da eine kleine Delle und die kleinen eingeschweißten Siebe sehen aus, als ob sie von Hand mit der Blechschere ausgeschnitten worden wären.

Die Bedienung

Ein Demo-Video und eine ausführliche Anleitung lassen erkennen: Signore Santoro hat tatsächlich eine kinderleicht zu bedienende Apparatur geschaffen.

kamira_anleitung

Der erste Versuch ist auch prompt erfolgreich: erstaunlich flott produziert das Gerät einen Espresso, der zuerst mal fast nur aus Schaum besteht, sich in der Tasse dann aber zu einem Kaffee mit einer üppigen Schaumkrone absetzt. Diese Crema ist zwar nicht so feinporig wie die einer Profi-Maschine aber bei weitem besser als alles, was ich bisher im Heimbetrieb hergestellt habe.

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Klare Kaufempfehlung. Die Kamira befreit den kostenbewussten Koffein-Junkie aus einem echten Dilemma und ist dazu noch ein echter Hingucker.

Update 19.08.2013

Nach Leserbeschwerden hat sich die taz in ihrem Blog vom oben zitierten Artikel distanziert. Die dort genannte Kritik ist für mich nicht nachvollziehbar. Unsere Kamira produziert jedenfalls mit schönster Regelmäßigkeit feinen Espresso

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26 Kommentare zu „Kamira Espressokocher – ein Anwenderbericht

  1. Hab sie mir Sonntag auch bestellt. Die Website hat mich auch etwas irritiert. Das mit der erhöhten Nachfrage und den Lieferverzögerungen wird mittlerweile mit Standardmail mitgeteilt. Bin gespannt wie lange es dauert und hoffe, dass sich die Produktion aufgrund der erhöhten Nachfrage qualitativ nicht aus der Ruhe bringen lässt;)

  2. Ebenfalls über den taz-Artikel neugierig geworden gelang es mir über die Website nicht, eine „Kamira“ zu bestellen – zum Glück gibt es in Hamburg Ottensen einen engagierten Espressomaschinenladenbetreiber (Espresso Tecnica, Bahrenfelder Str. 260), der sie beschaffen, ausprobieren und die nötigen Tipps geben kann: Eher grobkörniges Espressopulver und keinesfalls staubfein fabrikgemahlenem Kaffee verwenden, ihn ein wenig in das Sieb „stopfen“ statt nur locker abzustreichen, unbedingt auf durchgängige Siebe achten (ab und an in den Geschirrspüler), und immer mit mäßiger Hitze anfangen und dann hochdrehen…
    Wenn man gewöhnt ist, langmütig auf das Blubbern und Zischen einer Caffettiera auf dem Herd zu warten, verblüfft einen die Kamira mit ihrem ratzfatz schnell fließenden leckeren Espresso gleich ins Tässchen, ihrem einfachen netten Design und dem simplen Saubermachen – sehr schön!

    1. Beides kann ich bestätigen: der etwas gröbere Mahlgrad ist wichtig, dafür darf man dann ein wenig stärker stopfen. Ich bin nach fast einem Monat immer noch hochzufrieden. Ideales Preis-Leistungs-Verhältnis.

  3. Pingback: Anonymous
  4. Qualität & Verarbeitung 1A, Crema & Geschmack ebenfalls. Man muss halt die Gebrauchsanweisung lesen. Die ersten 2-3 Tassen schmecken natürlich komisch, aber danach ist alles ok. Das beste für zuhause auf dem Gasherd, was ich je hatte.

  5. Der Rückwärtsgang der taz-Redaktion ist in meinen Augen ebenso dämlich und konsequent, wie die ursprüngliche und zugegebene ungeprüfte Veröffentlichung des Mutterartikels aus der Stampa.

    Die von mir bestellte, und sechs Wochen später gelieferte Kamira macht was sie verspricht, und das wirklich gut – unter Einbezug der Anschaffungs- und Unterhaltskosten geradezu fantastisch! Alles was es positives zu sagen gibt wurde (hier) gesagt. Das negative (taz) kann ich nicht bestätigen.

    Vielleicht soviel noch: es gibt verschiedene Möglichkeiten einen Porsche zu fahren… und verschiedene Porsche. Eine aktuelles Modell liefert Fahrspaß, sagen wir auf Knopfdruck. Ich lasse mich bespaßen. Ein 356er hingegen ist Handwerk. In der Herstellung wie in der Bedienung. Fahrspaß selbstgemacht.
    (Sorry, bin gelernter Karosseriebauer ;)

    Die Kamira ist gewiss kein Porsche. Aber urteilen Sie selbst, was den nachhaltigeren Eindruck hinterlässt, ja, was besser für die Seele ist…

    Der Bauch fährt mit, der Bauch trinkt mit. Salute!

  6. Ich finde dieses Review etwas irritieren bzw. irreführend. Diese Maschine ist doch keine Espressomaschine im klassischem Sinne (mit Pumpe), oder? Es scheint so als würde das Wasser durch den Erhitzungsdruck durch den Kaffee strömen und wird mittels Cremaventil noch zusätzlich künstlich aufgeschäumt. Dies entspricht der Funktionsweise einer Mokka-Maschine wie wir es von bspw. einer Bialetti Schraunkanne kennen. Liege ich richtig, dann hat das nichts mit richtigem Espresso, wie er beim Barista serviert wird, zu tun.

    1. Stimmt, diese „Machine“ hat keine Pumpe. Dennoch erzeugt sie mehr Druck (das ist zumindest plausibel, auf Grund der größeren Kontaktfläche zur Herdplatte) und das Kaffeepulver wird weniger heiss, da weiter von der Hitzequelle entfernt. Und das wichtigste: Man scheckt den Unterschied zu einem Mokka wie ihn z.B. die Bialetti macht sehr wohl.

      1. Interessant. Würde ich gerne mal probieren so einen Moka aus dieser Maschine.

        „… erzeugt sie mehr Druck“

        mehr als eine klassische Schraubkanne – ja, aber nur aufgrund des Cremaventils welches den Café künstlich mit Luft aufschäumt. Diese Crema entsteht nicht BEI der Extraktion sondern NACH eben dieser.

        Einzig der lange Wasserweg könnte den Vorteil ausmachen. Aus diesem resultiert wohl die geringere Temperatur und dementsprechend der bessere Geschmack.

    2. Hi Chris, eigentlich wollte ich die Kamira eher mit einer Mokka-Kanne vom Typ Bialetti o.ä. vergleichen. Die Kamira ist natürlich keine Maschine, sondern nur ein „Kocher“ ohne Pumpe oder ähnliches. Warum der Kaffee qualitativ dennoch deutlich besser ist als der einer Mokka-Kanne, hat lanti in seinem Kommentar sehr schön erklärt.

    1. Hi Holger,

      das Ventil das Ventil ist entweder im Siebträgerauslauf (Feder mit Gummipilz –> erzeugt Widerstand) oder in Form eines doppelbödigen Siebes. Bei der von dir beschriebenen Maschine vermute ich einen doppelten Siebboden. Kann man das Sieb im Siebträger rausnehmen? Falls ja: Wenn die Kaffeeseite viele Löcher hat und der Boden nur ein paar (mittig) dann hat das Sieb einen doppelten Boden durch welchen ein Gegendruck entsteht und so der Café mit Luft verwirbelt wird.

      1. wäre super wenn du ein paar Bilder vom Innenleben des Siebträgers hochladen könntest.

  7. Die Kritik teilen aber auch viele andere und nicht nur die TAZ! Nicht angefixt fühlen wenn eine überteuerte Maschine nicht das hält was Sie verspricht!!!

    1. Ich denke, für 70 Euro bekommt man hier ein solides, komplett aus Edelstahl handwerklich gefertigtes Produkt. Ich kann hier keine Überteuerung erkennen.

  8. Hier nun die Bilder von den Sieben:

    Dies sind die beiden kleinen „Lochbleche“ in der Kapsel für den Kaffee (die mit den zwei Ausläufen)
    Sieb

    Dies ist das Gegenstück an der Maschine
    Sieb

    Soweit sichtbar ist das wirklich rudimentäre Technik. Nix doppeltes, keine Federn oder so…

    1. Danke für die Bilder. Wenn du den Siebträger gegen eine Lichquelle hältst und du in den Auslauflöchern von unten das gleiche Sieb siehst wie von oben, dann scheint tatsächlich kein doppelter Boden vorhanden zu sein.

  9. Bin seit fast einem Jahr zufriedener Espresso-Kamira Junkie und kann keinen der in der taz geäußerten Kritikpunkte bestätigen. Das Beste für zuhause und *jeder* (!!!) elektrischen Heimmaschine überlegen — denn die Kamira ist unkaputtbar, dank KISS. Besseren Café bekommt man nur mit einer mehrere Tausend € teuren Profimaschine. Da ist der Preis (ca. 85€) gerechtfertigt. Billig und preiswert sind drei Worte…

  10. Ich habe die Kamira seit etwa zwei Monaten und bin mit ihr sehr zufrieden. Sie ist eine „ehrliche“ Maschine – man erhält nicht auf Knopfdruck einen idiotensicher vorgefertigten Kaffee wie z.B. bei Nespresso. Man muss (und kann!) vielmehr ein wenig mit Mahlgrad und Temperatur spielen. Der erste Versuch mit eigentlich sehr gutem illy war mittelmäßig, dieses Pulver war einfach zu fein und erzeugte in dieser Maschine einen zu hohen Gegendruck. Ich verwende jetzt Kimbo (gibts z.B. im Spina in München) – einfach perfekt! Mild und kräftig zugleich, kein wenig bitter. Die Tasse ist halbvoll Kaffee, der Rest der Tasse ist mit Crema gefüllt. Ich verwende einen Induktionsherd, damit kann man die Hitze schnell und gefühlvoll regeln. Der Brühvorgang selbst geht ähnlich schnell wie auf einer professionellen Maschine. Auf einem Gasherd geht es wahrscheinlich ähnlich gut.
    Bei mir zu Hause gibt es jetzt zwei Sorten von Kaffee: wenn’s schnell gehen muss Nespresso, zum genießen die Kamira.
    Bestellung über die italienische Website war problemlos: Versandbestätigung kam nach etwa 12h, Maschine traf nach 3 Tagen ein.

  11. Guten Tag,

    die Gebrauchsanweisung habe ich mir genau durchgelesen und habe ich genau befolgt, auch Eure Tipps (gröberer Mahlgrad, mit mäßiger Hitze anfangen und dann hochdrehen etc.) habe ich gelesen, dennoch kommt bei mir einfach keine Crema heraus wie es in dem Video zu sehen ist. Obwohl ich „Crema“-Caffè verwende.
    Sondern nur Plurre mit zum Schluß zaghaft ein bißchen Schaum drauf, der sofort vergeht.
    Ich habe es auf allen vier Flammen des Gasherds versucht, überall dasselbe unbefriedigende Ergebnis.
    Was könnte es sein, das ich falsch mache ?

    1. Nach drei Jahren mit der Kamira kann ich sagen: auch ich bekomme nicht regelmäßig eine schöne Crema hin. Welche Faktoren es sind, kann ich leider nicht sicher sagen. Die Hitze scheint es nicht zu sein, da wir hier bei immer gleicher Einstellung mal eine Crema bekommen, mal nicht. Ich vermute, dass es – neben Mahlgrad und „Stopfung“ – auch an der Kaffeesorte liegt. Und eines haben wir sicher festgestellt: Entkalken ist ganz wichtig. Alle drei Monate lassen wir einen Entkalker durchlaufen, was die Konstanz etwas erhöht hat.

    1. Ja ich teilweise. Funktioniert grundsätzlich wenn auch Induktion und wie ich vermute Gas besser geeignet sind da beide weniger träge sind als Ceranfelder. Auch ist die Kamira unten nicht ganz plan weshalb die Wärmeübertragung auf Ceran etwas eingeschränkt ist.

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